Internationalisierung von Chinas Universitäten in der Kritik
Ausländischen Studenten wird es an Chinas Spitzenuniversitäten bedeutend leichter gemacht als einheimischen. Neue Regelungen zielen darauf ab, China zu einem Bildungszentrum der Welt zu machen.
Die jüngsten Reformen der Universität Tsinghua zur Überarbeitung der Immatrikulation von ausländischen Studenten haben in Chinas sozialen Netzwerken einige Kritik auf sich gezogen. Nach den neuen Regelungen plant die Universität, im Zuge der „Übernahme von internationalen Praktiken“ die Aufnahmeprüfungen für internationale Studenten abzuschaffen. Chinesische Studenten sind allerdings weiterhin dazu verpflichtet, den gefürchteten Gaokao, Chinas Hochschulzugangsprüfung, zu bestehen, welcher für seine schwierigen Fragen und unerträglichen Druck bekannt ist, den er auf Studenten und Familien ausübt. Von den 9,4 Millionen jungen chinesischen Studenten, welche 2016 an den Prüfungen teilgenommen hatten, konnten beispielsweise nur 3.000 an der Universität Tsinghua angenommen werden, welche einer der Spitzenuniversitäten des Landes ist.
Der harte Wettkampf macht es daher nicht weiter verwunderlich, dass chinesische Netznutzer sich über Tsinghuas neue Regelungen erzürnen. Es wurde zu einer solch großen Kontroverse, da viele Menschen damit rechnen, dass die neue Regelungen die Aufnahmekriterien für internationale Studenten signifikant verringern werden. Zudem haben Netznutzer bei näherer Betrachtung dieser „systematisch diskriminierenden Bestimmungen“ bei Einschreibung, Unterkunft und Stipendien das Gefühl erhalten, dass internationale Studenten gegenüber chinesischen bevorzugt werden.
Netznutzer beschuldigten die Universität zudem, zu viel Gelder an internationale Studenten zu vergeben. Während chinesische Studenten für das Erlangen eines Stipendiums einem harten Wettkampf ausgesetzt seien, seien internationale Studenten angeblich einfach deshalb für solche geeignet, weil sie Ausländer seien.
In den Augen der Netznutzer ist es als Ausländer viel einfacher, an der Tsinghua zu studieren und zu leben, als für einen einheimischen chinesischen Studenten. In der Netzgemeinde wurden daher Fragen zur Fairness und Gleichheit in Chinas Bildungssystem gestellt.
Die Universität erklärte, dass die Immatrikulation von ausländischen Studenten völlig von der für Chinesen getrennt sei, die Teil eines anderen Systems seien. Die neuen Regelungen wurden damit verteidigt, dass sie ein wichtiger Schritt für die Internationalisierung der Universität darstellen.
Tsinghua ist nicht die einzige Universität, die Teil dieser Kontroverse ist. Mit der rasanten Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und den technischen Fähigkeiten hat sich Beijing vorgenommen, eine Reihe von Universitäten mit Weltgeltung zu etablieren. Um diese ambitionierten Pläne, ein neues Bildungszentrum auf der Welt zu werden, auch zu verwirklichen, müssen die internationalen Standards und Praktiken der Weltklasse-Universitäten verstanden und vor allem gelernt werden, wie sie ihren Ruf langfristig wahren können.
Die Internationalisierung von Chinas höherem Bildungssystem ist mit einen potentiellen Dilemma von Quantität und Qualität konfrontiert. Das Land droht, die Fehler aus den Anfangstagen seiner industriellen Entwicklung zu wiederholen. Starkes Wachstum mit geringer Qualität hat bei der Wirtschaftsentwicklung zu Umweltschäden, Einkommensungleichheiten und einer geringen Wertschöpfung beim Humankapital geführt.
Obwohl Chinas Staatsrat keine klaren Zieldaten für die Schaffung von Weltklasse-Universitäten vorgegeben hat, setzen die meisten Universitäten des Landes quantitative Indikatoren ein, um ihre Strategien zu verdeutlichen und zu bewerten. Sie konzentrieren sich darauf, wie viele internationale Studenten eingeschrieben, wie viele Forscher eingestellt sind, wie viele Artikel in internationalen Publikationen veröffentlicht und wie viele Elitenprogramme eingerichtet wurden.
Infolgedessen wird Quantität der Vorzug gegenüber Qualität gegeben. Manche kritisieren, dass die Schwelle für die Immatrikulation an Chinas Top-Universitäten für ausländische Studenten zu niedrig sei. Bei Interviews an führenden chinesischen Universitäten, beschwerten sich einige internationale Studenten darüber, dass einige ihrer Kommilitonen ihrer Meinung nach nicht qualifiziert genug seien und dass sie die Universitäten auffordern, ihre Standards bei der Einschreibung von Ausländern im nächsten Jahr zu erhöhen.
Chinesische Universitäten bieten internationalen Studenten und Forschern großzügigerweise kostenintensive Privilegien. Beispielsweise leben internationale Studenten oft in Einzel- oder Zwei-Personen-Zimmern mit Klimaanlage, Heißwasser, Heizung und Sanitäranlagen, während chinesische Studenten immer noch in veralteten Studentenwohnungen in Vierer- oder Achter-Zimmern leben.
Verglichen mit Universitäten auf Weltklasse-Niveau, welche China nachahmen möchte, liegt das Land noch weit zurück. Die meisten Universitäten in den USA oder Europa erlauben allen Studenten ohne jegliche Voraussetzungen der Nationalität, sich für Unterkünfte auf dem Campus anzumelden. Sie trennen dabei nicht nach einheimischen und internationalen Studenten. Internationale und einheimische Studenten leben daher oft in denselben Wohngebäuden.
Die meisten chinesischen Universitäten trennen die Verwaltungsstrukturen für chinesische und internationale Studenten auf. Einschreibung, Kursverwaltung, Unterkunft, Finanzierung und Soziales werden separat bearbeitet. Dies stellt einen großen Unterschied zu Universitäten in entwickelten Ländern dar, wo alle Studenten unter einer Verwaltung gleich behandelt werden.
Diese menschengemachte psychologische Abtrennung könnte Beijings Ambitionen zum Aufbau seiner Bildungsmarken behindern. In meinen Interviews äußerten sowohl internationale als auch chinesische Studenten Bedenken darüber, dass es schwierig sei, mit anderen Gruppen in Kontakt zu kommen, da sie Teil verschiedener Systeme seien. Wenn Studenten anders verwaltet und behandelt werden, verringert dies ihre Interaktion und untergräbt Bildungswerte wie Fairness und soziale Gleichheit.
Quelle: People’s Daily
- 27.02.2017 | Rubrik: Bildung | 1071 Aufrufe
-
Alles, was Sie schon immer über den CHINESEN AN SICH UND IM ALLGEMEINEN wissen wollten!China ist in aller Munde. Ob wirtschaftlich, politisch oder – im wahrsten Sinne des Wortes – durch einen Besuch beim »Chinesen um die Ecke«. Doch was wissen wir eigentlich über »den Chinesen« oder die vielen Skurrilitäten im Reich der Mitte?
»Schnell festgelesen, oft zustimmend genickt und immer wieder herzlich gelacht – die ›Alltagssinologie‹ eröffnet dem China-Anfänger tiefe Einblicke in eine unbekannte Welt und bietet auch dem China-Veteranen viele neue Erkenntnisse.« (Dr. Cord Eberspächer, Direktor Konfuzius-Institut Düsseldorf)
Erfahren Sie, was Ihnen kein Reiseführer und kein Länder-Knigge verrät – und was Ihnen der Chinese an sich und im Allgemeinen am liebsten verschweigen würde.
Der Chinese an sich und im Allgemeinen - Alltagssinologie
Autor: Jo Schwarz
Preis: 9,95 Euro
Erschienen im Conbook Verlag, 299 Seiten
ISBN 978-3-943176-90-2