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Chinas Regierung will Verkehr in Peking entzerren

Forcierter Schienenausbau im Cluster Peking-Tianjin-Hebei bis 2050. Auslagerung von Versorgungseinrichtungen ins Umland.

Schlichtweg als “unbewohnbar” bezeichnete Bürgermeister Wang Anshun die chinesische Hauptstadt Peking gegenüber staatlichen Medien. Angesichts der notorisch schlechten Luftqualität und der völlig überlasteten Infrastruktur sollen nun städtische Einrichtungen in Vororte verlagert werden. Außerdem ist ein gigantisches Verkehrsprogramm zur besseren Verknüpfung der Region Peking-Tianjin-Hebei geplant. Peking, Tianjin und Hebei sind dabei jeweils spezielle Funktionen zugedacht.

Seit langem beklagt die Bevölkerung der chinesischen Hauptstadt Peking die unkalkulierbaren Verkehrsverhältnisse, die miserablen Umweltbedingungen und die exorbitant hohen Mieten im Stadtzentrum. Trotz massiven Ausbaus des öffentlichen und des Individualverkehrs sind die Straßen und U-Bahnlinien der Kapitale überlastet.

Als Hauptursachen gelten die umweltbelastenden Industrieemissionen, die starke Zunahme des Automobilverkehrs und die enorme Bevölkerungszunahme. Derzeit beträgt der jährliche Bevölkerungszustrom rund 350.000 Menschen. Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte wuchs Peking von rund 10 Mio. auf knapp 22 Mio. Einwohner. Seit Jahren ringen die politisch Verantwortlichen um eine Verbesserung der Situation. Allein 2014 wurden laut Pressemeldungen 392 Fabriken geschlossen.

Seit August 2015 sind 79% (vorher 42%) der “nationalen Industriekategorien” in Peking nicht mehr oder nur noch beschränkt zulässig. Dies bedeutet zwar nicht, dass in diesen Industriezweigen tätige bestehende Firmen umziehen müssen, allerdings werden keine neue Projekte oder Neugründungen mehr genehmigt. Bis 2017 sollen 1.700 umweltverschmutzende Unternehmen aus der Stadt verlagert werden.

Ausgeglichene Entwicklung zwischen Kapitale und Umland erwünscht

Bislang bleiben die Ergebnisse der Bemühungen jedoch hinter den Zielen zurück. Vorgabe ist es nun, Peking ab 2020 auf ein Einwohnerniveau von 23 Mio. Menschen zu begrenzen. Zur Abhilfe beitragen soll auch die Entwicklung der Metropolregion Peking-Tianjin-Hebei. Die Idee ist nicht neu, wird aber neuerdings wieder mit besonderem Nachdruck verfolgt.

In den nächsten 15 Jahren wird es vor allem darum gehen, für die Hauptstadt nicht-essentielle Funktionen ins Umland zu verlagern. Überdies sollen in der Pekinger Nachbarprovinz Hebei zusätzliche Einkommen und Arbeitsplätze generiert werden. Derzeit verdienen Städter in Hebei weniger als die Hälfte als in Peking. Die knapp 111 Mio. Einwohner des Peking-Tianjin-Hebei-Clusters erwirtschafteten 2014 zusammen ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 6,5 Billionen Renminbi (RMB; knapp 1 Billion Euro; 1 RMB = rund 6,91 Euro; Stand: 6.11.15).

Einem Regierungsdokument zufolge, das im April 2015 vom Zentralkomitee verabschiedet wurde, soll das 15 Mio. Einwohner zählende Tianjin zum Forschungs- und Entwicklungszentrum im verarbeitenden Gewerbe werden. Die Hafenstadt soll sich als “Demonstrationsstätte für Finanzinnovationen” und “Experimentierfeld für weitere Reformen und Öffnungen” etablieren, und der - ohnehin landesweit bereits drittgrößte - Hafen soll sich weiter zur Drehscheibe für Nordchina entwickeln.

Für Hebei ist die Rolle eines Handels- und Logistikzentrums vorgesehen. Außerdem soll die Provinz eine Vorreiterrolle für moderne Urbanisierung und die Vernetzung zwischen städtischen und ländlichen Regionen übernehmen.

Peking bleibt das nationale Zentrum für politische, kulturelle und internationale Aktivitäten. Eine Schlüsselfunktion wird Tongzhou an der südöstlichen Stadtgrenze zugewiesen. Dorthin sollen wichtige “Nicht-Hauptstadtfunktionen” aus dem Zentrum der Kapitale verlagert werden, wie Produktionsbetriebe, regionale Logistikzentren, Großhandel, Teile des Ausbildungs- und Gesundheitswesens, aber auch bestimmte Verwaltungseinrichtungen.

Allerdings sind Zweifel angebracht, ob die betroffenen Mitarbeiter den Umzug mitmachen. Bei der gegenwärtigen Verkehrssituation ist beispielsweise nach Tongzhou mit Pendlerzeiten von drei bis vier Stunden hin und zurück zu rechnen. Ein Wohnungswechsel dürfte speziell für Familien mit Kindern nicht in Frage kommen, da es an guten Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen mangelt. Genauere Planungen werden mit der Veröffentlichung des 13. Fünfjahresplan (2016 bis 2020) erwartet. Dessen ungeachtet sind die Land- und Immobilienpreise in Tongzhou bereits kräftig in die Höhe geschossen.

Auch andere Vororte und zu Peking gehörende Kreise wie Daxing, Pinggu, Changping oder Miyun und Huairou sollen künftig besser einbezogen werden. Von enormer Wichtigkeit ist insbesondere die zeitgerechte Anbindung des im Süden Pekings an der Stadtgrenze zu Hebei entstehenden neuen Peking Daxing International Airport mit der Metropole selbst, aber auch mit den nahegelegene Provinzstädten. Nach der Inbetriebnahme 2019 soll der Passagierdurchfluss bis 2050 auf 120 Mio. Fahrgäste pro Jahr wachsen.

Bis 2050 fast 3.500 km neue Eisenbahntrassen geplant

Allein der Ausbau der Verkehrssysteme im Cluster Peking-Tianjin-Hebei ist bis 2020 auf Kosten von rund 1,5 Billionen RMB kalkuliert. 10 Mrd. RMB seien bereits zur Gründung eines auf die Region spezialisierten neuen Eisenbahnunternehmens durch das Staatsunternehmen China Railway und die drei örtlichen Regierungen zusammengekommen, berichtete das Mercator Institute for China Studies (merics). Darüber hinaus sollen jedoch angesichts knapper öffentlicher Gelder PPP-Vorhaben eine tragende Rolle bei der Umsetzung der Planungen spielen.

Insgesamt sollen laut China Daily in den nächsten 35 Jahren rund 615 Mrd. RMB in die Errichtung neuer Eisenbahnlinien fließen. Ganze 23 Inter-City-Verbindungen mit einer Gesamtlänge von 3.452 km sieht der Entwurf der China No 3 Railway Survey and Design Group vor, den die in Tianjin ansässige Staatsfirma für das Ministry of Transport erstellt hat. Acht Verbindungen mit einer Länge von 1.012 km sollen bereits 2020 abgeschlossen sein. In der nächsten Dekade folgen weitere zehn Linien mit 1.817 km und schließlich, zwischen 2040 und 2050, fünf mit 623 km.

Nach ihrer Fertigstellung werden vier Nord-Süd- und vier Ost-West-Strecken für eine bessere Verbindung zwischen den drei wichtigsten Städten der Region, Peking, Tianjin und Shijiazhuan (Provinzhauptstadt von Hebei) sowie mit den kleineren Städten wie Tangshan, Qinhuangdao, Chengde oder Handan, sorgen. Sie sollen unter anderem Pendlern ermöglichen, zwar in Peking zu arbeiten, aber beispielsweise in Tangshan (Hebei) wohnen zu bleiben. Gegenwärtig dauert die Hin- und Rückfahrt jeweils etwa zweieinhalb Stunden. Nach Fertigstellung der neuen Linie wären es nur noch je 30 Minuten.

Konjunkturspritze für Zement- und Stahlindustrie

Doch nicht nur die Pendler werden sich über die neuen Linien freuen. Insbesondere die unter unausgelasteten Kapazitäten stöhnende Zement- und Baustahlindustrie darf auf neue Aufträge hoffen. Die China No. 3 Railway Survey and Design Group rechnet damit, dass bis 2020 rund 38,6 Mio. t Beton und knapp 6,2 Mio. t Stahl zur Umsetzung der gesetzten Ziele benötigt werden. Darüber hinaus werden pro Kilometer zu bauender Strecke etwa 600 Bauarbeiter benötigt, heißt es.

Stefanie Schmitt / GTAI

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