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Kann China das Fahrrad neu erfinden?

Eine Evaluierung der Pilotphase des städtischen Fahrradverleihsystems.

Seit Juni 2012 experimentieren mehrere Stadtbezirke mit der Einführung, Organisation und dem Betrieb eines öffentlichen Fahrradverleihsystems für Peking. Mit Abschluß der dreijährigen Pilotphase wird die Transportkommißion Anfang 2016 eine Reihe von Anpaßungsmaßnahmen vornehmen. Grund genug, sich die bisherige Entwicklung des Fahrradverleihsystems in der chinesischen Hauptstadt genauer anzusehen. Konnten die daran geknüpften Erwartungen erfüllt werden und welche Maßnahmen wären nötig, um dem Fahrradverleihsystem zu einem stadtweiten Durchbruch zu verhelfen?

Welche Erwartungen wurden an die Einführung des Fahrradverleihsystems geknüpft?

Ein zentraler Grund für die Entscheidung der Stadtregierung, in den Aufbau eines öffentlichen Fahrradverleihsystems zu investieren, liegt in der stetigen Abnahme des Fahrradverkehrs. Zwischen Ende der 1980er Jahre, als das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel in China war, und der Investitionsentscheidung der Transportkommißion 2011 ist der Anteil aller Wege, die in Peking mit dem Rad zurück gelegt wurden, von 62 auf 15 Prozent gesunken.

Gleichzeitig ist der Anteil der mit dem Auto zurückgelegten Wege auf 33 Prozent gestiegen. Die Priorisierung des privaten Pkw spiegelt sich nicht nur in persönlichen Kaufund Nutzungsentscheidungen wider. Seit Einzug der Motorisierung hat sich Peking zu einer autogerechten Stadt entwickelt. Als Folge deßen hat sich der Radius der chinesischen Hauptstadt ausgedehnt. Dadurch bedingt sind viele Wegstrecken länger und zum Radfahren ungeeignet geworden.

Das öffentliche Fahrradverleihsystem soll genau an diesem Punkt ansetzen: Fahrräder können an verschiedenen Orten entlang zentraler Verkehrsknotenpunkte der Stadt entliehen und wieder zurückgegeben werden. Die erste Stunde der Nutzung ist dabei kostenfrei. Im Vergleich zum eigenen Fahrrad eröffnet das städtische Fahrradverleihsystem seinen Nutzern eine höhere Flexibilität. Nach Rückgabe des Rades an einer beliebigen Leihstation können registrierte Nutzer bequem mit Bus, Bahn oder Auto weiterbzw. zurückfahren. Damit soll das Fahrrad in einer Metropole wie Peking wieder für einfache Wege nutzbar gemacht werden.

Eine positive Bilanz für den bisherigen Aufbau

Zu Beginn des Pilotprojektes formulierte Peking das Ziel, bis 2015 mindestens 50.000 öffentlich nutzbare Fahrräder an 1.000 Haltestellen bereitzustellen. Laut Angaben des China Sustainable Transportation Centers waren im Mai diesen Jahres bereits 1.645 Haltestellen mit 49.417 Fahrrädern ausgestattet. Die Bezirke Chaoyang und Dongcheng im östlichen Innenstadtbereich Pekings sind dabei besonders stark repräsentiert. Grund dafür ist ihre Vorreiterrolle als Pilotbezirke seit Juni 2012. Seit September 2015 gehören insgesamt 13 Bezirke zu Pekings öffentlichem Fahrradverleihsystem.

Der zügige Aufbau des Fahrradverleihsystems ist der Tatsache zu verdanken, daß Stadtund Bezirksregierungen das Projekt gemeinsam tragen. Während die Stadtebene Anschaffung und Aufbau der Leihstationen finanziert und die zentrale Koordinierungßtelle für die Projekteinführung bildet, verantworten die beteiligten Bezirke den Betrieb, Wartungen und Reparaturen über den gesamten Nutzungszeitraum hinaus.

Während der Aufbau des städtischen Fahrradverleihsystems klar nach Plan verlief, wäre es zu kurz gegriffen, den Erfolg des Projektes allein an raschen Ausauzahlen zu meßen. Grund für die Projekteinführung war der unnachläßig fallende Fahrradverkehrsanteil. Doch konnte auch die Einführung des Fahrradverleihsystems eine weitere Talfahrt in den Folgejahren nicht aufhalten. Zwischen 2011 und 2014 ist der Anteil aller mit dem Rad zurückgelegten Wege in Peking um weitere 4 Prozentpunkte auf ein neues Rekordtief von 11 Prozent gesunken.

Wodurch würden sich Pekings Bewohner wieder für das Radfahren intereßieren laßen?

Es stellt sich folglich die Frage, welche weiteren Anstrengungen nötig wären, um dem Fahrradverleihsystem zu einem stadtweiten Durchbruch zu verhelfen. Wodurch würden sich Pekings Bewohner wieder für das Radfahren intereßieren laßen? Fünf konkrete Maßnahmen wären denkbar:

• Ausbau und Verdichtung eines stadtweiten Netzwerkes

Grundsätzlich bleibt zu hoffen, daß der wei-tere Systemausbau auch über die erste Pilotphase hinaus fortgeführt wird. Erfahrungen aus anderen chinesischen Städten legen nahe, daß Nutzer von einer Verdichtung und Diversifizierung der Stationen profitieren würden. Bisher stand die Anknüpfung an das öffentliche Transportsystem im Vordergrund der Errichtung von Leihstationen. In einer zweiten Pilotphase könnten auch Bürogebäude, Schulen, Einkaufsund Freizeitmöglichkeiten an das öffentliche Fahrradverleihsystem angebunden werden.

• Qualitätßicherung bei Betrieb und Wartung

Pekings Fahrradverleihsystem lädt auf seiner Webseite Nutzer dazu ein, Bewertungen und Kommentare zu ihren Erfahrungen abzugeben. Aus diesen Beiträgen laßen sich direkte Maßnahmen ablesen, um die Qualität des Systems langfristig zu sichern. Besonders in Bezug auf Betrieb und Wartung gibt es Verbeßerungspotentiale: Hochfrequentierte Fahrradleihstellen laufen beispielsweise oft Gefahr, nicht genügend Fahrräder bzw. Stellplätze verfügbar zu haben. Es wäre daher sinnvoll, die Räder in kürzeren Abständen gleichmäßig zwischen den verschiedenen Leihstellen zu verteilen. Gleiches gilt für die Instandhaltung von Fahrrädern und Ausleihtechnologien.

• Anmelde- und Servicebarrieren beseitigen

Auffällig ist auch, daß nicht alle Fahrradverleihstellen zur Registrierung von Neukunden autorisiert sind. Die selektive Außtattung der Leihstellen mit Servicezentralen stellt eine unnötige Barriere dar, die viele intereßierte Paßanten abschreckt. Da der Großteil der bisher errichteten Verleihstationen in unmittelbare Nähe von U-Bahnhof-Ausgängen errichtet wurde, könnten die Kompetenzen der dort beschäftigten Servicemitarbeiter um die Anmeldung für das Radverleihsystem erweitert werden. Für diese Maßnahme spricht auch die Tatsache, daß es sich bei der Nutzerkarte um eine spezielle Variante der in Peking sonst auch geläufigen, wieder aufladbaren elektronischen Transportkarte handelt.

• Finanzmittel langfristig verfügbar machen

Die beiden letztgenannten Maßnahmenpakete fallen in den Handlungsbereich der für Betrieb und Instandhaltung zuständigen Bezirksregierungen. Doch selbst unter gleichbleibenden Bedingungen müßen sich die Bezirke mit wachsender Größe und steigendem Alter des Fahrradverleihsystems auf umfangreichere Ausgabeposten einstellen. Es ist folglich fraglich, zu welchem Grad sie die benötigten Gelder zur Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen aufbringen können. Wieder läßt sich eine mögliche Lösung mit Blick auf andere, bereits erfolgreiche Fahrradverleihsysteme ableiten. Taiyuan, Hauptstadt der Nordchinesischen Provinz Shanxi, und das an Shanghai grenzende Hangzhou zählen zu den erfolgreichsten ihrer Art. Beide Stadtregierungen haben sich dazu entschieden, das Fahrradverleihsystem als integralen Bestandteil in das öffentliche Transportsystem aufzunehmen und dem System dadurch langfristig Finanzmittel verfügbar zu machen.

• Sichere Fahrradverkehrsbedingungen schaffen

Neben dem Ausbau und der langfristigen Qualitätßicherung des Fahrradverleihsystems spielt auch eine sichere Fahrradinfrastruktur eine wichtige Rolle, um mehr Einwohner für das Radfahren zu begeistern. über Jahre hinweg wurden Radwege jedoch beim Bau neuer Straßen ignoriert, teilweise sogar von wichtigen Verkehrsachsen verbannt. Darüber hinaus werden Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung nicht angemeßen sanktioniert. Auf Fahrradwege ausweichende bzw. parkende Pkws und Motorräder sind in Peking keine Seltenheit. Sichere Fahrradwege und angemeßene Bußgelder bei Verstößen sind für die Entwicklung einer verbeßerten Fahrradkultur in Peking unumgänglich.

Quelle: econet monitor

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