China: Big Brother im Kreissaal
Reality TV “Komm’ schon, Baby” zeigt in China Schwangere bei Geburt.
Reality TV ist nicht gerade eine Stärke im chinesischen Fernsehen. “Brot und Spiele” machen hingegen einen Großteil der Sendezeit im Reich der Mitte aus. Volksbespaßung und eine “heile Welt” in einem Land, in dem die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen gigantischer sind als in jedem anderen, sind staatlich verordnet und scheinbar von der Bevölkerung auch gewünscht. Vielleicht, weil die Mehrheit der Bevölkerung bis heute tagtäglich genug zu kämpfen hat und daher vor der Glotze lieber in Traumwelten versinken möchte anstelle sich auch dort mit der harten Realität auseinanderzusetzen.
Ausgerechnet zum Muttertag strahlte allerdings der südchinesische Fernsehsender “Shenzhen Satellite TV” eine Reality TV-Reportage mit dem Namen “Komm’ schon, Baby” (chinesisch: 来吧孩子, Aussprache: “lái ba háizi”) aus. In der über einstündigen Reportage wurden Schwangere und deren Angehörige während der Geburt gezeigt. Ungeschönt, von tollpatschigen Vätern über nörgelnde Großeltern bis hin zu blutigen und schmerzhaften Geburten in Nahaufnahmen. Insgesamt drei Schwangere begleitete “Komm’ schon, Baby” während des gesamten Prozesses der Geburt ihrer Kinder.
Chinas Fernsehzuschauer reagierten, wie zu erwarten war, sehr unterschiedlich auf die gezeigten Bilder aus dem Kreissaal des Red House-Krankenhauses in Shanghai. Dort hatte der Fernsehsender keine Kosten und Mühen gescheut, keinen Moment der Ereignisse unbeobachtet zu lassen. Insgesamt 64 Kameras wurden im größten Krankenhaus für Frauen in den Kreissälen und Patientenzimmern installiert. Am Ende war die Sendung eine Mischung aus bewegenden, lustigen aber auch für viele Zuschauer schockierenden Momenten. Über die aufgeregten Männer, die teilweise eher hilflos und tollpatschig sich um ihre Frauen kümmerten, konnten viele noch lachen. Nörgelnde Eltern und Großeltern, die scheinbar an allem etwas auszusetzen haben, durften ebenfalls nicht fehlen und waren für die Betrachter nicht minder unterhaltsam. Schockiert reagierte jedoch ein Teil der Fernsehzuschauer auf Nahaufnahmen von schmerzverzerrten Gesichtern und Bilder von blutigen und schmerzhaften Geburten, untermalt von lauten Schreien und weinenden gebärenden Müttern. In den sozialen Netzwerken schrieben nach der Ausstrahlung zahlreiche schwangere, dass sie sich nun nicht mehr sicher sind, ob sie noch immer eine natürliche Geburt haben wollen. Auch Stimmen gegen eine solche Ausstrahlung ließen nicht lange auf sich warten. Viele hielten es für nicht angemessen, derart intime Bilder von Frauen bei der Geburt im Fernsehen zu zeigen. Kindern dürften solche Reportagen ebenfalls nicht gezeigt werden.
Nach Angaben des Regisseurs Yi Hua, ging es bei “Komm’ schon, Baby” keineswegs darum, um mit Geburtsschmerzen für Einschaltquoten zu sorgen. Die Sendung muss als Dokumentation verstanden. Dass dieser Versuch gelungen sei, bestätigte dem Sender auch Wang Zhenjun, ein in China bekannter Professor für Journalismus. Nach seiner Meinung ist die Reportage durchaus ein gut gelungener Versuch, die die Großartigkeit der mütterlichen Liebe bildgewaltig dargestellt hat. Ob man jedoch dem Zuschauer alles zumuten kann, darüber darf man gerne geteilter Meinung sein.
Autor: Jo Schwarz
- 16.05.2014 | Rubrik: Videos | 5109 Aufrufe
-
Alles, was Sie schon immer über den CHINESEN AN SICH UND IM ALLGEMEINEN wissen wollten!China ist in aller Munde. Ob wirtschaftlich, politisch oder – im wahrsten Sinne des Wortes – durch einen Besuch beim »Chinesen um die Ecke«. Doch was wissen wir eigentlich über »den Chinesen« oder die vielen Skurrilitäten im Reich der Mitte?
»Schnell festgelesen, oft zustimmend genickt und immer wieder herzlich gelacht – die ›Alltagssinologie‹ eröffnet dem China-Anfänger tiefe Einblicke in eine unbekannte Welt und bietet auch dem China-Veteranen viele neue Erkenntnisse.« (Dr. Cord Eberspächer, Direktor Konfuzius-Institut Düsseldorf)
Erfahren Sie, was Ihnen kein Reiseführer und kein Länder-Knigge verrät – und was Ihnen der Chinese an sich und im Allgemeinen am liebsten verschweigen würde.
Der Chinese an sich und im Allgemeinen - Alltagssinologie
Autor: Jo Schwarz
Preis: 9,95 Euro
Erschienen im Conbook Verlag, 299 Seiten
ISBN 978-3-943176-90-2